Geschichte der Arbeiterwohlfahrt

von Wilma Aden-Grossmann

Marie Juchacz – Gründerin der Arbeiterwohlfahrt

Marie Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt

Marie Juchacz hatte bereits als 17-jährige Arbeiterin während des Ersten Weltkrieges die Härten des Berufslebens und die Not vieler Familien kennengelernt. Das motivierte sie, sich in der SPD für Arme und Bedürftige einzusetzen. Aufgrund ihrer politischen Erfahrungen gelangte zu der Überzeugung, dass eine sozialdemokratisch geprägte Wohlfahrtsorganisation notwendig wäre, denn in den konfessionellen Wohlfahrtsverbänden waren Sozialdemokraten nicht gerne gesehen.

Gründung der Arbeiterwohlfahrt

1919 gründete sie mit Zustimmung des SPD-Parteivorstandes die AWO. Der neue Wohlfahrtsverband kümmerte sich nach dem verlorenen Krieg um die aus dem Krieg oder der Gefangenschaft heimkehrenden Soldaten und deren Familien Marie Juchacz vertrat die Auffassung, dass der Staat die Pflicht habe, „die durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung herbeigeführte, durch den Krieg und seine Folgen verschärfte Not, soweit dies möglich ist, abzustellen, zumindest zu lindern.“ In den ersten Nachkriegsjahren musste die AWO vor allem praktische Hilfe leisten. Nachdem die ärgste Not überwunden war, entwickelte die AWO ein modernes Konzept der sozialen Arbeit. Sie betätigte sich in der Kinder-, Jugend- und Altenfürsorge, der ambulanten Hauspflege, gründete Erziehungs- und Erholungsheime sowie Kindergärten.

1926 – Anerkennung als Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege

Mit der Anerkennung als Spitzenverband erhielt die AWO die Chance, durch Eingaben, Gutachten und Denkschriften Einfluss auf Sozialgesetzgebung zu nehmen. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die vielfältigen Aufgaben zu schulen wurden eine Schriftenreihe mit Ausbildungsmaterial und die Fachzeitschrift „AWO“ herausgegeben und Sonderlehrgänge durchgeführt. Da diese Unterstützung nicht ausreichte, gründete die AWO 1929 eine eigne Wohlfahrtsschule. Die neu gegründete Wohlfahrtsschule und die Fortbildungskurse für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden auch in den wirtschaftlich schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise weitergeführt. Dass der Gedanke der solidarischen Hilfe in der Arbeiterschaft sehr lebendig war, zeigte sich darin, dass von 1930 bis 1932 die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter von 114.000 auf 135.000 stieg.

1933 – Folgen der Machtergreifung

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung setzte die Verfolgung der politisch Linken und deren Organisationen ein. Nun kam zu den sonstigen Aufgaben der Nothilfe noch die Verpflichtung, sich um die Familien der Inhaftierten, Erschlagenen und Emigrierten zu kümmern. Auch die AWO gehörte zu den unliebsamen Organisationen: ihre Geschäftsstellen und Einrichtungen wurden besetzt, Verantwortliche verhaftet, Bankkonten beschlagnahmt. Dennoch gelang es den Nationalsozialisten nicht, die AWO „gleichzuschalten“, sie in die NS-Arbeitsfront einzugliedern, weil sowohl die Hauptamtlichen als auch die Ehrenamtlichen sich jedem Versuch der Gleichschaltung widersetzten. Führende Mitarbeiter der AWO mussten emigrieren: Marie Juchacz, Prof. Dr. Walter Friedländer, Dr. Helene Simon, Hedwig Wachenheim und viele andere.

1945 – Wiederaufbau

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der AWO auf der örtlichen Ebene. In Kronberg und Oberhöchstadt haben 26 Männer und Frauen, darunter Peter und Auguste Sattler, Peter Strabel, Bürgermeister Adam Zubrod und seine Frau Sophie am 1. Januar 1946 den Ortsverein wieder gegründet. Es war über- wiegend der gleiche Kreis, der kurz zuvor den SPD Ortsverein wieder ins Leben gerufen hatte. 25 Jahre später hieß es in einem Rückblick: Nun wurde die Sozialarbeit nach den Richtlinien der AWO aufgenommen. Den Mittellosen wurden Barzuwendungen und Gutscheine für Lebensmittel überreicht, für die Obdachlosen wurden Wäsche, Kleider, Schuhe, Ofen, Herde, Möbel und sonstiger Hausrat zusammengetragen.“ Überall im Gebiet des Hochtaunuskreises wurde in vielen Orten die AWO wieder aufgebaut. Aufgrund der unzulänglichen Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten hatten die einzelnen Ortsgruppen zunächst kaum Verbindung miteinander. Erst allmählich bildeten sich wieder Kreis- und Bezirksausschüsse.

AWO in der DDR

Anders als in Westdeutschland konnte in der DDR die AWO nicht wieder gegründet werden. Sie hatte nur einige Büros in Ostberlin, die jedoch durch den Bau der Mauer 1961 zwangsweise geschlossen wurden. Erst nach der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern wieder Orts-, Kreis- und Bezirksausschüsse gegründet.

Aufgaben des Bundesverbandes

Der Bundesverband der AWO ist ein Dachverband. Seine Aufgabe ist nicht die soziale Arbeit vor Ort, sondern sein Gebiet liegt in der fachpolitischen Arbeit, in der Unterstützung der Arbeit auf Bezirks-, Kreis- und Ortsebene durch Bereitstellung von Informationen, Weiterbildung und als Interessenvertreter in sozialpolitischen Zusammenhängen. So wirkt die AWO über ihn mit bei der Vorbereitung von sozialpolitischen Gesetzesvorhaben.

AWO heute

Aus bescheidenen Anfängen hat sich ein bedeutender Wohlfahrtsverband entwickelt, der zur Liga der fünf Spitzenverbände gehört und dem etwa 3.700 Ortsvereine, 400 Kreisverbände und 30 Landes- und Bezirksverbände angehören. Als Mitgliedsverband hat die AWO 362.000 Mitglieder und unterhält mehr als 14.000 Einrichtungen mit etwa 197.000 Beschäftigten und vielen Ehrenamtlichen. Die AWO hat ihre Wurzeln in der SPD, und in der Vergangenheit war die Mitgliedschaft in beiden Organisationen selbstverständlich. Heute aber scheinen die Beziehungen zwischen beiden Organisationen gelockert; insbesondere für junge Parteimitglieder ist es nicht mehr selbstverständlich, in die AWO einzutreten. 1998 hat die AWO neue Leitsätze, an denen sie ihr Handeln ausrichtet, verabschiedet. Ihre vier zentralen Grundwerte sind Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz.

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